Wichtig zu unterscheiden: Die Einsprachefrist ist nur die gesetzlich festgelegte Dauer der öffentlichen Planauflage – in den meisten Kantonen 20 Tage. Die Bearbeitungsdauer (auch Bewilligungsdauer) umfasst den gesamten Prozess von der Einreichung des Baugesuchs bis zum rechtskräftigen Entscheid – inklusive Vorprüfung, Fachstellen, Einsprache- und allfälligen Rekursverfahren. Sie dauert deshalb fast immer ein Mehrfaches der reinen Einsprachefrist.

Die Zahlen im Überblick

Es gibt in der Schweiz keine einzelne offizielle Statistik, die die Bearbeitungsdauer von Baugesuchen schweizweit und einheitlich erfasst. Stattdessen liefern verschiedene Banken, Think-Tanks und Medien eigene Auswertungen – mit unterschiedlicher Methodik, unterschiedlichem Untersuchungszeitraum und unterschiedlichem geografischem Fokus. Die ZKB-Zahl von 140 Tagen ist ein landesweiter Durchschnitt über alle Gemeinden, während die Avenir-Suisse-Zahl von 157 Tagen der Mittelwert aus nur zehn grösseren Städten im Zeitraum 2013–2017 ist. Die beiden Zahlen sind deshalb nicht direkt vergleichbar – wir stellen sie hier bewusst getrennt mit ihrer jeweiligen Quelle und Einschränkung dar, statt sie zu einer einzigen "Wahrheit" zu vermischen.

Schweiz: 140 Tage im Durchschnitt – und stark steigend

Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) untersucht in ihrer Studienreihe «Immobilien aktuell» regelmässig die Bewilligungsdauer von Bauprojekten. Gemäss der Ausgabe vom April 2023 dauert es vom Baugesuch bis zur rechtskräftigen Baubewilligung – samt allfälligen Rekursverfahren und Auflagenbereinigungen – im Landesschnitt 140 Tage. Das sind 67 Prozent mehr als noch 2010.

Je dichter besiedelt, desto länger die Verzögerung: Im urbanen Kanton Zürich dauert es knapp 200 Tage, in der Stadt Zürich hat sich die Zeitspanne seit 2010 um 136 Prozent auf rund 330 Tage erhöht. Am längsten dauert es laut ZKB im Kanton Genf mit rund 500 Tagen.

Auch nach der Bewilligung ist ein Projekt nicht immer gesichert: Die ZKB hat sämtliche bewilligten Wohnungsneubauprojekte seit 2010 darauf untersucht, ob tatsächlich gebaut wurde. Ergebnis: Jede zehnte bewilligte Wohnung wurde nicht realisiert – meist wegen erfolgreicher Rekurse nach Erteilung der Bewilligung. Dem Mietwohnungsmarkt fehlen dadurch laut ZKB jährlich rund 4'000 Wohnungen, mit steigender Tendenz. «Einsprachen werden nicht umsonst als fünfte Landessprache bezeichnet», sagt Ursina Kubli, Leiterin des Immobilienresearchs der ZKB.

Stadt Luzern: 171 Tage – und sinkende Erledigungsquote

Die Luzerner Zeitung berichtete, dass Bauherren in der Stadt Luzern im Jahr 2024 im Schnitt 171 Tage auf ihre Baubewilligung warten mussten – mehr als das Vierfache der gesetzlichen Behandlungsfrist von 40 Tagen. Gleichzeitig sank die sogenannte Erledigungsquote (der Anteil fristgerecht erledigter Gesuche) auf einen Rekordtiefstand. Seit Januar 2026 ist mit «cymo eBau» ein neues digitales Bewilligungsverfahren im Einsatz, das den Prozess beschleunigen soll – ob und wie stark sich das auf die Bearbeitungsdauer auswirkt, ist noch offen.

Städtevergleich: Avenir Suisse (2013–2017)

Der Think-Tank Avenir Suisse verglich 2019 in der Studie «Baubewilligungen dauern immer länger» die durchschnittliche Bewilligungsdauer von zehn grösseren Schweizer Städten für den Zeitraum 2013–2017 (Daten von Docu Media, ausgewertet durch Fahrländer Partner Raumplanung). Der Mittelwert über alle zehn Städte lag bei 157 Tagen – rund 30 Tage mehr als im Vorzeitraum 2008–2012.

St. Gallen
98
Winterthur
138
Biel
138
Basel
139
Bern
143
Lugano
153
Luzern
172
Zürich
177
Lausanne
202
Genf
208

Durchschnittliche Bewilligungsdauer in Tagen, 2013–2017. Quelle: Avenir Suisse, «Baubewilligungen dauern immer länger» (2019).

Innerhalb der Städte gab es zudem grosse Unterschiede nach Bauart: Neubau-Wohnprojekte im Kanton Genf benötigten im Schnitt sogar 536 Tage – die längste Einzelkategorie der gesamten Studie. Grund ist unter anderem, dass im Kanton Genf nicht die Gemeinde, sondern der Kanton selbst die Bewilligungsbehörde ist.

Politischer Druck wächst: Bund prüft Beschleunigung für Gewerbebau

Die lange Bearbeitungsdauer ist längst auch ein politisches Thema. Der Bundesrat hat am 14. Mai 2025 im Rahmen des Unternehmensentlastungsgesetzes eine Bereichsstudie zur «Verfahrensbeschleunigung Gewerbebau» in Auftrag gegeben, die das Entlastungspotenzial für Unternehmen bei Planungs- und Baubewilligungsverfahren für Gewerbebauten (Büro-, Industrie- und Gewerbegebäude) untersucht. Das KMU-Forum des Bundes hat dazu an seiner Sitzung vom 18. Dezember 2025 eine Stellungnahme verabschiedet (publiziert 16. Februar 2026) – ein Indiz dafür, dass die Bearbeitungsdauer von Baubewilligungen nicht nur im Wohnungsbau, sondern auch im Gewerbebau als Hürde für den Wirtschaftsstandort Schweiz wahrgenommen wird.

Warum dauert es so lange?

Die zitierten Quellen nennen übereinstimmend mehrere Gründe für die wachsende Bearbeitungsdauer:

  • Mehr Auflagen: Vor allem verschärfte Lärmschutzbestimmungen führen häufig zu zusätzlichen Prüfungsrunden.
  • Verdichtetes Bauen: Weil kaum mehr auf der grünen Wiese gebaut wird, sind Projekte technisch und planerisch komplexer als früher.
  • Einsprachen und Rekurse: Je dichter und umstrittener ein Projekt, desto wahrscheinlicher eine Einsprache – und damit ein zusätzliches, oft monatelanges Verfahren.
  • Kantonale Fragmentierung: Jeder Kanton (teils jede Gemeinde) hat eigene Verfahren, Fristen und Zuständigkeiten – ein Grund für die grossen Unterschiede zwischen z. B. St. Gallen und Genf.

Was WohnRadar zeigt – und was nicht

WohnRadar überwacht täglich die öffentliche Planauflage von Baugesuchen – also Publikationsdatum und die daran anschliessende Einsprachefrist. Diese Daten stammen direkt aus den kantonalen Amtsblättern und Bauportalen. Das Datum der finalen Baubewilligung wird von den Gemeinden hingegen nicht systematisch und maschinenlesbar veröffentlicht – WohnRadar kann die effektive Bearbeitungsdauer einzelner Gesuche deshalb aktuell nicht selbst berechnen oder ausweisen.

Die Zahlen auf dieser Seite stammen daher bewusst aus unabhängigen, extern verifizierbaren Studien und Medienberichten – nicht aus eigenen WohnRadar-Daten. Einen Überblick über die Kennzahlen, die WohnRadar selbst aus den Amtsblatt-Daten berechnet (aktuelle Gesuche je Kanton und Gemeinde), gibt es auf der Statistik-Seite.

Quellen